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Überwältigende Bilder fragmentierter Beziehungen
Bregenzer Frühling: Uraufführung „Reading Tosca“

Beklemmendes Tanztheater

BREGENZ - „Reading Tosca“ der Berliner Truppe cie.toula limnaios bringt
„Tosca“ in nicht nur akustisch neuem Gewand als beklemmendes
Tanztheater und erzählt zugleich viele weitere Geschichten von
Unterdrückung, Liebe und Tod. Zum ersten Mal wirken hier die Bregenzer
Festspiele und das Tanzfestival Bregenzer Frühling zusammen.
Aufblitzende Arien



Während draußen an einem lauen Abend, wie er zur Festspielzeit nicht selbstverständlich ist,
der grüne Rasen für das zukünftige ZDF-Studio vorbereitet wird, ist drinnen ein Teil der Indoor-
Version von „Tosca“ aufgebaut, die David Pountney auch für das Tanztheater hatte nutzen
wollen. So dominiert eine kleinere Augenwand mit einem Gitterraster von Fadenkreuzen die
Bühne, die Seitengassen bleiben frei, erst zum Schluss senkt sich die ebenfalls mit einem Auge
bemalte Decke bedrohlich von oben herab.


Das Thema von „E lucevan le stelle“ wabert leise durch den Raum, ein Hund bellt, vier Frauen
und drei Männer stehen, nur mit Unterwäsche bekleidet, auf der Bühne, brechen zuckend
zusammen. Die Stimmung ist angespannt und hektisch, wenn sie sich ihre Kleidung und
hochhackigen Schuhe zusammensuchen, rasch über die Bühne gehen – einer im langen Mantel,
der Kutte ebenso wie Uniformmantel sein könnte, eine der Frauen wie ein Schatten verfolgt. Die
Frage nach dem „who is who“ oder Opernrollen scheint aufgehoben, in stetem Fluss ergeben
sich Personenkonstellationen, Begegnungen, die zunehmend intensiver werden. Die
Körpersprache von Toula Limnaios, der griechischen Choreographin ist ungemein expressiv,
eckig und zuckend. Zahlreiche Gesten der Unterdrückung und Unterwerfung, aber auch von
Symbiose und Spiegelung zeichnen ein oft wechselndes Beziehungsgeflecht. Man kann es mit
der Oper in Verbindung bringen, muss aber nicht.


Höchst effektvoll ist neben den bunten Alltagsgewändern ein leuchtend rotes Kleid mit riesiger
Schleppe, die sich wie ein Zelt ausbreiten lässt: Alle können es anziehen, zur Musik des „Te
Deum“ schlüpft der japanische Tänzer in das Kleid, während die zwei anderen Tänzer mit
Stöcken die vier Tänzerinnen bedrohen. Blut, Leidenschaft, Erotik und Verzweiflung sind in
diesem Kleid symbolisiert.


Die starken Bilder werden durch die Musik von Ralf R. Ollertz noch intensiviert: Der Mitschnitt
einer See-Aufführung wird von ihm aufbereitet, vielfach zerstückelt, verfremdet, gescratcht und
mit elektronischen Mitteln erweitert. Wenige Motive oder Arien blitzen erkennbar oder
unverändert auf, und doch ist die Nähe zur Oper durchaus da, ebenso wie auch Elemente der
Bregenzer Inszenierung präsent sind. Für 70 Minuten wird man hineingezogen in eine
verstörende Ausdruckswelt, die viele Deutungsmöglichkeiten und Assoziationen schafft und die
noch lange nachwirkt.

Katharina von Glasenapp